Es gibt Regatten, die verlaufen so, wie man sie sich am Vorabend bei einem Bier ausgemalt hat: Start, Strecke, Ziel, ein sauberer Strich durchs Wasser. Und es gibt Regatten, bei denen der Wind eine andere Meinung hat als der Ausschreibungstext. Der 4. Juli 2026 auf dem Müggelsee gehörte zur zweiten Sorte.

14:15 Uhr, Bootshaus des BRC Ägir in Friedrichshagen. Startsignal. Und man muss es so sagen, wie es war: Wir kamen gut weg. Sehr gut sogar. Der erste Zug ins Wasser, das Boot nahm sofort Fahrt an, kein Zögern, kein Hakeln: ein Start, wie man ihn sich für die Vereinschronik wünscht. Für einen Moment, für vielleicht zwanzig, dreißig Schläge, sah alles nach einer jener Fahrten aus, die man am Abend in wenigen zufriedenen Sätzen abhakt.

Dann aber holte uns die Wetterlage ein, die wir tags zuvor schon mit einigem Argwohn studiert hatten: Der Wind blies aus West, böig, unangenehm kräftig, und die Rennleitung sah sich gezwungen, den vorgesehenen Kurs zu kippen. Statt der geplanten Strecke ging es nun im umgekehrten Sinn, Richtung Köpenick. Ein Kurswechsel, der einem Achter, der sich gedanklich schon auf die andere Windseite eingestellt hatte, noch einmal alles abverlangt.

Was folgte, war Arbeit. Ehrliche, zähe, unromantische Ruderarbeit. Der Wind stand uns nun frontal ins Gesicht, und jeder Meter zur Baumgarteninsel wurde mit dem erkauft, was man im Achter „Schiebe“ nennt, jenes zähe, kraftraubende Durchziehen, bei dem man das Boot förmlich durch die aufgewühlte Luft und das ungeduldige Wasser schieben muss, Schlag für Schlag, ohne dass sich draußen viel zu bewegen scheint.

Die Bugspitze biss sich in den Gegenwind, die Ausleger klatschten, und wer in diesem Abschnitt noch Zeit fand, über die Schönheit des Müggelsees nachzudenken, der hat entweder nicht richtig durchgezogen oder saß im falschen Boot. Kurt und Tobias in der Mitte des Bootes werden bestätigen können, dass dort, wo man am wenigsten Aussicht und am meisten Kraftübertragung hat, dieser Kampf am unmittelbarsten zu spüren war.

Die Erlösung, wenn man es so nennen will, kam erst mit der Umrundung der Baumgarteninsel. Nach dem Bogen um die Insel öffnete sich uns endlich die Möglichkeit, mit Schiebewind weiterzufahren: der Wind nun nicht mehr Gegner, sondern zumindest kein offener Feind mehr, das Boot lag ruhiger, der Rhythmus fand sich wieder, und die Kraft, die vorher ins Bezwingen der Böen geflossen war, konnte endlich in Vortrieb übersetzt werden.

Man muss dazu sagen, unter welchen Vorzeichen diese Mannschaft überhaupt ins Boot gestiegen ist. Das eigentlich vorgesehene gemeinsame Training war eine Woche zuvor der Hitzewelle zum Opfer gefallen und musste kurzfristig abgesagt werden. Was blieb, war wenig mehr als ein paar Telefonate in den Tagen davor, um Bootsreihenfolge und Kommandos abzustimmen, ein Fahren im Vertrauen auf alte Erfahrung und gegenseitiges Einschätzen, nicht auf frisch eingeschliffenen Rhythmus. Dass ein Achter unter solchen Voraussetzungen überhaupt so geschlossen und kraftvoll durch Gegenwind und Wellenschlag kam, spricht für sich.

Was diesen Kurs aber wirklich zu einer Prüfung machte, mehr noch als der Wind selbst, war der Verkehr auf dem Wasser. Der Müggelsee ist an einem Sommersonnabend kein einsames Rudergewässer, sondern ein munter befahrenes Revier, und so mussten wir uns den ohnehin schon schmalen Korridor mit einer beachtlichen Zahl an Motorboot- und Sportbootfahrern teilen, die von der Beschaulichkeit eines Riemenachters naturgemäß wenig Notiz nehmen.

Wellenschlag von der Seite, während man ohnehin schon gegen den Wind kämpft, ist eine Kombination, die man keinem Steuermann und keiner Steuerfrau wünscht, und genau diese Doppelbelastung machte den heutigen Kurs zu einem der anspruchsvolleren, die wir in letzter Zeit gefahren sind. Dass wir in diesem Gewirr aus Wellen, Kielwasser und wechselnden Kursen der Motorbootfahrer nie in eine wirklich brenzlige Situation gerieten, ist nicht zuletzt Ines zu verdanken, die uns mit ruhiger Hand und wachem Blick sicher durch den gesamten Bootsverkehr steuerte.

Dass am Ende alle Mann und die eine Frau am Steuer wohlbehalten und ohne jeden Schaden am Boot zurück ins Bootshaus kamen, war nach diesem Nachmittag keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis konzentrierter, disziplinierter Arbeit im Boot.

Und dann, wie es sich für einen ordentlichen Regattatag gehört: Bier und Bratwurst bei H. Heyer. Es gibt wenig, was einen Achter nach einer solchen Fahrt so zuverlässig wieder in gute Stimmung versetzt wie ein kaltes Bier und eine warme Bratwurst im Anschluss. Dort fühlten wir uns, nach allem Kampf gegen Wind und Wellen, endlich wieder gut aufgehoben.

Zum Ergebnis selbst sei offen gesagt: Es ist in Ordnung, mehr aber auch nicht. Wir waren mit größeren Ambitionen an den Start gegangen und hatten uns, ehrlich gestanden, im Vorfeld auch bessere Chancen ausgerechnet, als sich am Ende einlösen ließen. Der fehlende gemeinsame Feinschliff und der unerwartete Kursaufwand gegen den Wind haben ihren Tribut gefordert.

Trotzdem: Ein Achter, der ohne ein einziges gemeinsames Training auskommen musste und sich trotzdem tapfer durch Gegenwind, Wellenschlag und Motorbootverkehr kämpft, hat keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen.

Ein besonderer Dank gebührt an dieser Stelle Martin, der mit schier unermesslicher Geduld die zahlreichen Verzögerungen dieses Tages ertragen und sich zudem um den Transport des Bootes gekümmert hat, ohne ihn wäre aus diesem Renntag ein deutlich unentspannterer geworden.

Es ruderten: Ines (Steuerfrau), Holger, Guido, Flavio, Kurt, Tobias, Jens, Peter und Klaus.

Ein Nachmittag, der nicht so verlief, wie es die Ausschreibung vorsah, aber genau deshalb einer, an den man sich erinnern wird.

Jens Butenschön